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Walter Jacobson [*1898]

Geboren am 20.09.1898 in Lüneburg, gestorben am 30.08.1981 in Laguna Hills, California, USA im Alter von 83 Jahren

Walter Jacobson kam 1898 in Lüneburg als jüngstes von fünf Kindern zur Welt. Sein Vater war der Kaufmann Arnold Jacobson, der aus Malchow in Mecklenburg stammte und in Lüneburg ein Wäschegeschäft führte. Seine Mutter war Klara Heinemann, eine Tochter des Lüneburger Bankiers und Kaufmanns Marcus Heinemann.

Die Familie wohnte in einem großen Haus Am Marktplatz, Ecke Bäckerstraße. Walters Vater Arnold Jacobson hatte das historische Lüneburger Haus kurz zuvor gekauft und nach seinen Vorstellungen im neugotischen Stil neu erbauen lassen. In den unteren Etagen lagen die Geschäftsräume seines Wäsche- und Aussteuergeschäfts, oben wohnte die Familie.

Walter wuchs mitten in der Lüneburger Altstadt im Kreise seiner Geschwister auf, eng eingebunden in das familiäre Miteinander der Großfamilie Heinemann. Wie seine älteren Brüder und Cousins besuchte er das altehrwürdige Gymnasium Johanneum und machte dort 1917 Abitur. 

Für kurze Zeit studierte Walter danach Jura in München. Dann ging er wie seine älteren Brüder Ernst, Henry und Richard (der 1915 in Frankreich gefallen war) in den Ersten Weltkrieg. Er kämpfte an der Westfront. Wie sein Onkel Henry Heinemann gehörte er zu einem bayerischen Regiment.

Nach dem Ersten Weltkrieg schloss Walter Jacobson sein Jurastudium ab und promovierte 1923 in Göttingen. Er wurde Rechtsanwalt. In den 1920ern arbeitete und lebte er in zunächst Hannover und Berlin-Charlottenberg. Ab 1926 wohnte er in Hamburg-Altona, nicht weit entfernt von seinem Bruder Dr. Ernst Jacobson, der dort als Arzt praktizierte.

Ab 1929 gehörte Walter dann zur Wandsbeker Rechtsanwaltskanzlei von Dr. Willy Victor, der sich als Sozialdemokrat aktiv für die Weimarer Republik einsetzte. Willy Victor und Walter Jacobson waren auch beide in der Jüdischen Gemeinde Wandsbek aktiv. Walter Jacobson war darüber hinaus als juristischer Berater im Verband der jüdischen Gemeinde Schleswig-Holsteins und der Hansestädte tätig.

Walters Sozius Dr. Victor musste sich schon kurz nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 in Sicherheit bringen. Walter Jacobson, der als Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges seine Tätigkeit als Rechtsanwalt vorerst weiter ausüben durfte, konnte sich noch etwas länger halten. Im April 1933 schrieb er an seine Schwester Anna Jacobson in den USA: "Wir wissen übrigens noch gar nicht, ob uns die Möglichkeit, Anwalt zu bleiben, etwas nützen wird. Unsere Praxis ist auf jeden Fall kaputt. [...] Ich selbst will vorerst keine Entschlüsse fassen und das Recht, Anwalt zu bleiben, wahren. [...] Den Gedanken, fortzugehehen, habe ich einstweilen aufgegeben. Ich kann Mutter und die Geschwister nicht so einfach verlassen. Ich fühle ich auch zu sehr für den Anwaltsberuf geeignet, als dass ich ihn so schnell aufgeben könnte. Und man hat doch schließlich immer noch Hoffnung." In dieser Zeit versuchte Walter Jacobson, möglichst vielen Verwandten und auch anderen Verfolgten des NS-Regimes so weit wie möglich juristisch und praktisch zu helfen.

Nach einiger Zeit verlor jedoch auch er die Hoffnung. 1936 floh Dr. Walter Jacobson vor der NS-Judenverfolgung aus Deutschland. Seine Schwester Anna Jacobson, die seit den 1920er Jahren in New York lebte, hatte sich schon früh um die nötigen Papiere und Berechtigungen für viele ihrer noch in Deutschland lebenden Verwandten gekümmert.

Auf der Überfahrt mit dem Dampfschiff "Washington", das im April 1936 nach New York fuhr, verbrachte Walter Jacobson viel Zeit mit seiner Tante Else Benjamin und deren Töchtern Martha und Lotte. Schon ein Jahr nach der Ankunft in New York heiratete Walter Jacobson dann eben jene Martha Benjamin, mit der er auf dem Schiff in die USA gekommen war. Die beiden lebten zunächst zusammen mit Marthas Mutter und Schwester am Riverside Drive im New Yorker Stadtviertel Washington Heights. In New York arbeitete Martha als Sekretärin - und Walter Jacobson fing mit fast vierzig Jahren noch einmal an, Jura zu studieren. Nach seinem Abschluss in New York fand er eine Stelle bei einem großen Rechtsverlag in Chicago und zog mit Martha dorthin um.

Als Walter Jacobson in den 1960er Jahren in den Ruhestand ging, zogen die beiden nach Kalifornien, in die Nähe von Los Angeles. Auch Marthas Schwägerin Lotte Benjamin lebte dort später. 1981 starb Walter Jacobson in Laguna Hills in Kalifornien. Seine Witwe Martha überlebte ihn um mehr als zwanzig Jahre.



Quellen und Informationen:

Zu Walter Jacobson und seiner Rechtsanwalts-Kanzlei zusammen mit Dr. Willy Victor in Wandsbek:

https://www.juedischesleben-wandsbek.de/buero-von-dr-walter-jacobsen-anwalt
https://www.juedischesleben-wandsbek.de/familie-victor

Sybille Bollgöhn, Jüdische Familien in Lüneburg, Lüneburg 1995, S. 56-69 (dort auch Brief von Walter Jacobson an Anna Jacobson vom 15.05.1933 abgedruckt)