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Oskar Heinemann [*1863]

Geboren am 03.11.1863 in Lüneburg, gestorben am 14.12.1946 in Chicago, IL, USA im Alter von 83 Jahren
Oskar Heinemann, o.D.; Privatbesitz Becki Cohn-Vargas
Oskar Heinemann, o.D.; Privatbesitz ...
Oskar Heinemann (rechts) mit seiner Mitarbeiterin Dagmar Roemer (Mitte) und anderen Angestellten im Büro der Heineman Silk Company, Chicago, um 1910; Privatbesitz Familie Roemer
Oskar Heinemann (rechts) mit seiner ...
Oscar Heinemann, Chicago, o.D.; Privatbesitz Familie Roemer
Oscar Heinemann, Chicago, o.D.; ...

Wohnort

Familie Abraham Ahrons (1763-1790)
Familie Isaak Abraham Ahrons (1790-1799)
Familie Marcus Heinemann (1862-1939)
Familie Salomon Heinemann (1860er)
Adolf und Hulda Schickler (1935-1942)
Sally und Lucie Baden-Behr (1939, 1941)

Große Bäckerstraße 23
Lüneburg

Oskar (in den USA: Oscar) Heinemann war das siebte von 17 Kindern des Lüneburger Kaufmanns und Bankiers Marcus Heinemann und seiner Frau Henriette geb. Lindenberg. Als Oskar 1863 zur Welt kam, wohnte die Familie seit einem Jahr in einem großen Patrizierhaus in der Bäckerstraße 23, das Marcus Heinemann für seine wachsende Familie gekauft und umgebaut hatte. Dort wuchs Oskar im Kreis seiner Geschwister auf.

Seine ein Jahr jüngere Schwester Klara erinnerte sich später an eine unbeschwerte Kinderzeit in der Lüneburger Altstadt, u.a. in einer Art Vorschule: „Wir bekamen Holzklötze, auf denen das Alphabet stand, wir lernten danach die Buchstaben, die wir später zu Wörtern zusammensetzen mußten. Wir hatten aber auch ein kleines französisches Buch und lernten daraus kleine Sätze. Mittags ging es fröhlich heimwärts. Am Nachmittag spielten wir viel mit den Nachbarskindern - besonders mit den Kindern von F C Meyer."

Wie fast alle männlichen Mitglieder der Familie Heinemann besuchte Oskar Heinemann in Lüneburg das altehrwürdige Gymnasium Johanneum. Nach seinem Abschluss 1882 absolvierte er eine kaufmännische Lehre. 1886 emigrierte er als erstes Mitglied der Heinemann-Großfamilie (seit seinem Großonkel Alexander um 1816) in die Vereinigten Staaten, zunächst nach New York. 1899 folgte sein älterer Bruder Adolf, 1914 dann sein jüngerer Bruder Otto.

Oskar Heinemann allerdings blieb nur kurz in New York und ging bald nach Chicago. Dort baute er ab 1893 die „Oscar Heinemann Company“ auf, die sich auf den Import von Rohseide und die Produktion von Seidengarn spezialisierte. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich dieser Betrieb zu einer der bedeutendsten Seidenfabriken in den USA.

Über die Jahrzehnte wurde das Fabrikgelände mehrfach erweitert, zuletzt 1918 mit einem riesigen neuen Fabrikgebäude. Es erstreckte sich nun über 4 Blocks zwischen der Armitage, Fairfield und Washtenaw Avenue. Die Arbeitsbedingungen in dieser Seidenfabrik, in der zeitweise mehr als 1500 Menschen arbeiteten, waren katastrophal. Bei einer Kontrolle vor Ort wurde Oscar Heinemann 1916 vorgeworfen, sich den Inspektorinnen in den Weg gestellt und sie beleidigt zu haben – er wurde deswegen zu einer Geldstrafe von 25 Dollar verurteilt. In den 1920er Jahren gab es mehrere große Streiks der Arbeiterinnen der Oscar Heinemann Company, die höheren Lohn, bessere Bedingungen und mehr Arbeitsschutz forderten.

Unter den Menschen, die hier arbeiteten – vor allem Frauen – waren viele, die wie Oscar Heinemann erst kürzlich aus Europa eingewandert waren. Dazu gehörte auch eine selbstbewusste junge Frau namens Dagmar Roemer, die von der dänischen Insel Bornholm stammte und 1884 mit ihren Eltern aus Dänemark nach Chicago eingewandert war. Sie arbeitete zunächst als Angestellte im Büro der Oscar Heinemann Company und stieg langsam ins Management auf. Parallel dazu kämpfte sie für das Frauenwahlrecht und engagierte sich vielfältig für soziale Zwecke. 1907 begleitete sie Oscar Heinemann auf einer Geschäftsreise nach Europa, zu der auch ein Besuch bei der Familie von Oscars Bruder Robert Heinemann in Lüneburg in der Schießgrabenstraße gehörte.

Schon 1894 war Oscar Heinemann US-amerikanischer Staatsbürger geworden. 1920 hatte er in New York Clare Lowenstein geheiratet, die als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten in den USA geboren worden war. Die beiden kannten sich schon seit langem – möglicherweise über Oskars New Yorker Bruder Otto Heinemann - heirateten jedoch erst 1920.

Ab 1928 beohnten Oscar und Clare Heinemann ein großes Haus am Lake Shore Drive, damals eine sehr begehrte Wohngegend. Es war noch nach Entwürfen des 1926 verstorbenen berühmten Chicagoer Architekten Howard van Doren Shaw gebaut worden. Die US-Volkszählung von 1930 listete als Bewohner des Hauses Oscar und Clare Heinemann auf, dazu zwei Butler, einen Diener, eine Köchin, ein Zimmermädchen und einen Chauffeur mit eigener Familie.

Oscar Heinemann war in Chicago auf vielen Gebieten aktiv, u.a. war er in den 1920er Jahren einer der Direktoren einer örtlichen Bank, betätigte sich als Sponsor eines Bowling-Teams seiner Firma, gehörte 1929 den Initiatoren einer neuen Pferderennbahn in Chicago und machte sich auch als Kunstsammler einen Namen. Oscar und Clare Heinemann waren eng mit der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller befreundet und unterstützten finanziell deren Wohltätigkeitsarbeit.

Zugleich blieb Oscar Heinemann mit seiner Familie in Kontakt. Er war oft in Europa, verband dann meist Geschäftsreisen mit Privatbesuchen in Lüneburg, Hamburg oder London. Hoffnungen der Familie auf finanzielle Unterstützung durch den reichen Verwandten erfüllten sich jedoch nur in seltenen Fällen. Nach einem Besuch von Oskar Heinemann in Lüneburg im September 1922 schrieb seine ältere Schwester Betty Jacobsohn, die mit ihrer Familie in Lüneburg wohnte, an ihre Schwiegertochter: „Oskar Heinemann war mit seiner äußerst sympathischen Frau in Deutschland. Er wohnte in Hamburg, kam mit einem Auto täglich auf Stunden nach Lüneburg. Wir haben ihn ganz kurz gesehen [...] Ein 5-Millionen-Segen soll über Lüneburg ausgestreut sein, zum Teil über die Familie, unser Haus ist nicht davon betroffen, nur ein ¼ Pfund Käse gab uns Kunde von seinem Hiersein. Es ist nicht viel.“ Der vermeintliche Millionensegen bezog sich vermutlich auf eine Schenkung von 10.000 Mark von Oskar Heinemann an das Lüneburger Kinderhospital von 1921. Die offizielle Genehmigung dafür durch die Lüneburger Behörden erfolgte dann allerdings erst im Frühjahr 1923, zum Beginn der extremen Inflation in Deutschland.

Als nach Beginn der NS-Herrschaft 1933 mehr und mehr Familienmitglieder versuchten, der Verfolgung in Deutschland zu entkommen, gab es in Einzelfällen Unterstützung von Oskar Heinemann. Seine Großnichte Hanna Jacobsohn (Tochter von Hermann Jacobsohn), die es im September 1941 noch schaffte, in die USA zu fliehen, machte auf dem Weg nach Wisconsin kurz in Chicago Station. In einem kurz danach verfassten Bericht schrieb Hanna: „Nach einer durchreisten Nacht kam ich in Chicago an. Es war ein nebliger Tag, so dass ich den Michigan-See mehr ahnen als sehen konnte. Der Verkehr in der Stadt war ungeheuer, der Abend bei dem dicken Onkel Oskar interessant und sein Geldgeschenk am Schluß erfreulich. Ängstlich hielt ich es fest in meiner Hand, damit es mir nicht von den berühmten Gangsters wieder entwunden würde.“

Zusammen mit seinem Bruder Otto Heinemann in New York unterstützte Oskar Heinemann außerdem die Schwestern Martha und Emilie in Lüneburg bis zu deren Tod in den 1930er Jahren mit regelmäßigen Zahlungen. Auch die durch die NS-Judenverfolgung mittellos gewordene Schwester Anna Levy erhielt in Berlin immer wieder Überweisungen der beiden Brüder aus den USA, bis dies nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 nicht mehr möglich war.

1940, als die Seidenindustrie in den USA an Bedeutung verlor, verkaufte Oscar Heinemann sein Unternehmen und setzte sich zur Ruhe. 1946 starb er in Chicago. Seine Witwe Clare Heinemann überlebte ihn um fünf Jahre. Fast ihr gesamtes Vermögen vererbten sie an den Helen Keller Endowment Fund, der sich für Rechte und Chancen blinder Menschen einsetzte.

Noch bis in die späten 1950er Jahre nutzte die Textilindustrie die Fabrikgebäude der Oscar Heinemann Company. Danach dienten sie verschiedenen Zwecken. 2017 wurden große Teile der historischen Substanz abgerissen, darunter die Mauer mit dem weithin sichtbaren großen Zeichen "OH".  Ein Teil der alten Fabrikgebäude blieb jedoch stehen und wurde zu großzügigen Wohnungen umgebaut: Seit den 2020er Jahren befinden sich darin die „Silk Factory Lofts“.

 

Quellen und Infos:

Abriss von Gebäuden der Oscar Heinemann Company in Chicago, darunter Turm mit großem „OH“-Zeichen: https://bldg51.com/2017/10/08/oscar-heineman-silk-company-factory-building-undergoing-demolition/

Zur Vorgeschichte der „Silk Factory Lofts“ auf dem Gelände der Oscar Heinemann Company in Chicago: https://www.silkfactorylofts.com/history/

Recherchen und Auskünfte über Oskar und Clare Heinemann sowie Dagmar Roemer von Carl Madsen, USA (Großneffe von Dagmar Roemer)

Schenkung Oskar Heinemann, Stadtarchiv Lüneburg, Signatur SA 1085

Ruth Verroen, Leben Sie? S. 61/62, 109/110

Namensvarianten: Oscar Heineman