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Willy Heinemann [*1880]

Geboren am 23.02.1880 in Lüneburg, gestorben am 27.04.1923 in Lüneburg im Alter von 43 Jahren
Willy Heinemann; Privatbesitz Becki Cohn-Vargas
Willy Heinemann; Privatbesitz Becki ...
Grabstein der Geschwister Heinemann, fotografiert nach der Wiederentdeckung 1967, Foto: Hans Morgner; Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland
Grabstein der Geschwister Heinemann, ...

Wohnort

Familie Abraham Ahrons (1763-1790)
Familie Isaak Abraham Ahrons (1790-1799)
Familie Marcus Heinemann (1862-1939)
Familie Salomon Heinemann (1860er)
Adolf und Hulda Schickler (1935-1942)
Sally und Lucie Baden-Behr (1939, 1941)

Große Bäckerstraße 23
Lüneburg

Wilhelm (Meshulam) Heinemann, stets genannt Willy, war das sechzehnte, vorletzte Kind des Lüneburger Bankiers und Kaufmanns Marcus Heinemann und seiner Frau Henriette geb. Lindenberg. Er wurde 1880 in Lüneburg geboren und wuchs im Kreise seiner vielen Geschwister in der Großen Bäckerstraße 23 auf. Zum Zeitpunkt seiner Geburt waren seine ältesten Schwestern Betty und Emma schon selbst verheiratet und hatten Kinder. Willy gehörte mit dem 1876 geborenen Bruder Otto und seiner 1879 geborenen Schwester Else zu den "Kleinen" der Familie.

Als Willy drei Jahre alt war, starb seine Mutter Henriette an einer schweren Infektion, kurz nach der Geburt seines jüngsten Bruders Henry. Henriettes plötzlicher Tod brachte tiefe Trauer und Verzweiflung über die Familie. Willys 21-jährige Schwester Martha kümmerte sich von nun an wie eine Mutter um ihn und die anderen jüngeren Geschwister. Ihre Schwester Emilie erinnerte sich später daran, wie gut Martha diese Rolle ausfüllte: "Die kleinen Kinder frugen: "Marthe, warum sagen wir nicht Mama, wie die anderen Kinder es tun?" So empfanden sie nicht, daß ihre Mutter fehlte.“

Wie alle seine Brüder besuchte auch Willy das traditionelle Gymnasium Johanneum in Lüneburg. Schon im Alter von neun Jahren trat er in die Schule ein, hielt jedoch nicht lange durch: Mit elf verließ er die Schule und wurde von nun an zu Hause unterrichtet. Aus verschiedenen Erzählungen in der Familie wird deutlich, dass Willy Probleme mit der Konzentration hatte und auch körperlich sehr schwach war. Seine Schwester und Vertraute Emilie schrieb später: "Willy war als Kind viel krank. Der Arzt meinte, seine Organe seien nicht so ausgewachsen, weil die Kinder zu schnell aufeinander folgten."

Während die meisten seiner Geschwister in den 1880er und 1890er Jahren das Haus verließen, heirateten und Familien gründeten, blieb Willy mit seinen älteren Schwestern Emilie und Martha zu Hause bei ihrem Vater Marcus Heinemann. Vor allem in dessen letzten Lebensjahren scheint Willy sich liebevoll um seinen Vater gekümmert zu haben: „Willy sorgte immer rührend für Papa", schrieb Emilie in ihren Erinnerungen, "und begleitete ihn treulich zur Schleuse [einem Ausflugslokal bei Lüneburg]. Manches Mal empfand er, daß beim Rückweg Papa schwerer zu führen war. Aber er war glücklich, ihm Stütze sein zu können."

Willy fing schon früh an, privat zu fotografieren - zu einer Zeit, als dies noch etwas ganz Besonderes war. Wir verdanken ihm viele schöne Bilder der Familie Heinemann, meist draußen im idyllischen Garten hinter dem Haupthaus in der Großen Bäckerstraße aufgenommen. Später war Willy auch als professioneller Fotograf tätig.

Nachdem Marcus Heinemann 1908 mit fast 90 Jahren gestorben war, blieben Willy, Emilie und Martha zu dritt in ihrem Elternhaus wohnen. Ihr Vater hatte sie alle in seinem Testament großzügig bedacht. Hinsichtlich Willys Erbe hatte Marcus Heinemann eine wichtige Einschränkung formuliert: "Im Interesse meines Sohnes, den seine Herzensgüte leicht zu Verleihungen oder Verschenkungen seines Vermögens verleiten könnten, bestimme ich, daß derselbe keine Verfügung über das Kapital haben soll, sondern daß er lebenslänglich nur den Zinsengenuß erhalten soll. [...]... Über Alles was meinem Sohne Willi außer dem Kapital [...] aus der Erbschaft zufallen und was er sonst schon bei meinem Ableben besitzen wird, sowie über die Zinsen des Kapitals steht ihm freie Verfügung zu. Auch über alles, was er sich durch seine Tätigkeit erwirbt, oder was ihm durch Geschenk oder Erbschaft zufällt, hat er freie Verfügung. Sämtliches Mobiliar, das sich in der von ihm bewohnten Stube und angrenzenden Schlafkammer befindet, soll ihm als freies Eigentum zufallen. Ferner der Bücherschrank in meiner Stube, der nahe beim Ofen steht.“

Von 1908 bis 1922 war Willy Heinemann im Lüneburger Adressbuch als Fotograf aufgeführt. Er machte Fotos für einen Verlag mit Lüneburg-Postkarten, für private Auftraggeber und verschiedene Clubs und Vereine. Dazu noch einmal Emilie: "Er litt darunter, daß er nicht mehr leisten konnte, aber seine Tätigkeit machte ihm Freude. Seine fotografischen Aufnahmen zeigten viel Verständnis für den künstlerischen Blick." Seine beiden Schwestern unterstützten ihn bei seiner Arbeit, wie sich Emilie erinnerte: "Willy wußte immer Anregendes mitzubringen, sein wenn auch unbedeutendes Geschäft brachte doch Leben ins Haus. Martha und ich halfen ihm so gut wir konnten. Martha machte die Berechnungen und lehrte ihn Buchführung. Willy war nur kurze Zeit in der Schule gewesen. Sein Arzt veranlaßte uns, für Hauslehrer zu sorgen. Er hatte gute Lehrer.“

In seiner einfühlsamen Art wurde Willy in Lüneburg offenbar bekannt für eine besondere Form der Fotografie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eine wichtige Rolle spielte: "Er war auch der einzige, der Leichen aufnehmen konnte. Manche Familie bat ihn um ein Bild ihres toten Lieblings und war ihm dankbar." Diese Tätigkeit war es dann auch, die zu Willys frühem Tod führte, wie Emilie beschrieb: "Noch auf seinem letzten Ausgang kam er verspätet nach Hause. Er hatte den Wunsch einer Mutter erfüllt, das Kind war an Kopfgrippe gestorben. Der Arzt meinte, das hätte ihn nicht angesteckt. Unser lieber Willy war ja schon nicht mehr so frisch: Kopfgrippe respektive Schlafkrankheit [eine seltene Form von Gehirnentzündung] brachten ihn nach längeren Wochen ins Grab. Wir hatten alle drei uns gut zusammen eingelebt."

Willy Heinemann starb im April 1923, tief betrauert von seiner Familie, und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Lüneburg beerdigt. Seine Schwester Emilie notierte seinen Tod in der Familienbibel der Heinemanns und schrieb dazu: "Unser treuer Kamerad". Vermutlich legten Emilie und Martha schon jetzt fest, dass die drei eine gemeinsame Grabstelle haben sollten. Jedenfalls wurden die beiden Schwestern 1934 und 1936 neben Willy beerdigt.

Der Grabstein für die drei Geschwister Heinemann gehört zu den wenigen, die heute noch existieren, nach der Zerstörung und vollständigen Einebnung des Friedhofs in der NS-Zeit. Zusammen mit einigen anderen Grabsteinen war der Dreier-Grabstein in das Fundament eines 1944 errichteten Behelfsheims eingebaut worden. Als dieses Behelfsheim 1967 abgerissen wurde, kamen die Steine zum Vorschein. Es dauerte noch einige Jahre, bis die Grabsteine Anfang der 1970er wieder aufgestellt wurden, wenn auch nicht an ihrem ursprünglichen Ort, und nur als Fragment.

Namensvarianten: Wilhelm Meshulam Willi