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Henry Heinemann [*1883]

Geboren am 02.11.1883 in Lüneburg, gestorben am 24.12.1958 in Amsterdam im Alter von 75 Jahren
Henry Heinemann in Sumatra, 1920er; Privatbesitz Murk Hein Heinemann
Henry Heinemann in Sumatra, 1920er; ...
Henry Heinemann als Kleinkind, 1880er JAhre; Privatbesitz Becki Cohn-Vargas
Henry Heinemann als Kleinkind, 1880er ...
Henry Heinemann (links) als Corpsstudent mit seinem Vater Marcus Heinemann, Lüneburg um 1905; Privatbesitz Murk Hein Heinemann
Henry Heinemann (links) als ...

Wohnort

Familie Abraham Ahrons (1763-1790)
Familie Isaak Abraham Ahrons (1790-1799)
Familie Marcus Heinemann (1862-1939)
Familie Salomon Heinemann (1860er)
Adolf und Hulda Schickler (1935-1942)
Sally und Lucie Baden-Behr (1939, 1941)

Große Bäckerstraße 23
Lüneburg

Henry Joseph Heinemann war das jüngste der 17 Kinder von Marcus und Henriette Heinemann. Seine Mutter starb zehn Tage nach seiner Geburt. In der Heinemann-Familienüberlieferung wurde stets betont, dass Henriette die Geburt zu diesem Zeitpunkt schon gut überstanden hatte. Ihre Tochter Emilie erinnerte sich 1935: „Unsere Mutter starb leider durch Infektion der Hebamme, die Wissenschaft war derzeit noch nicht so weit. Sie strickte schon im Bett, wenige Tage nach Henrys Geburt, als sie aus so trauriger Ursache sterben sollte.“

Henriettes Tod war für Marcus Heinemann und die gesamte Familie ein furchtbarer Schlag. Henrys Vater trauerte bis zu seinem Tod im Jahre 1908 um seine geliebte Frau. Auf allen Fotos, die danach von ihm entstanden sind, steht ein Porträt von Henriette in seiner unmittelbaren Nähe. 1884, möglicherweise zur ersten „Jahrzeit“ (jährlicher Gedenktag an den Todestag) von Henriette, traf sich die Familie und ließ ein Foto machen. Der kleine Henry sitzt auf dem Schoß seines Vaters, und an dessen Knie gelehnt sieht man das große gerahmte Porträt von Henriette.

Henry wurde im Wesentlichen von seiner großen Schwester Martha aufgezogen, die unverheiratet blieb und zusammen mit ihrer Schwester Emilie nach dem Tod der Mutter den Haushalt in der Großen Bäckerstraße 23 führte. Wie fast alle männlichen Mitglieder der Großfamilie Heinemann besuchte Henry das Gymnasium Johanneum in Lüneburg. Nach dem Abitur 1902 verließ er seine Geburtsstadt und zog nach München, um dort Medizin zu studieren. In dieser Zeit schloss er sich einer schlagenden Studentenverbindung an. 1908 wurde er in München zum Dr. med. promoviert.

Von München ging Dr. Henry Heinemann als Universitätsdozent nach Straßburg, das damals zum deutschen Reich gehörte. Er spezialisierte sich auf Tropenmedizin und fing an, zu diesem Thema erste Aufsätze zu publizieren. In den Straßburger Jahren lernte er auch Albert Schweitzer kennen, der dort Medizin studierte.

1911, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters Marcus Heinemann, ließ Henry sich in Straßburg protestantisch taufen. Er war damit das erste – und nach aktuellem Wissensstand auch das einzige – der 17 Kinder von Henriette und Marcus Heinemann, das konvertierte und damit das fromme Judentum des Elternhauses weit hinter sich ließ.

Auch physisch schuf Henry Heinemann eine sehr große Distanz zum Ort seiner Kindheit: Schon in den 1910er Jahren sammelte er neben seiner Forschungstätigkeit in Straßburg auch erste praktische Erfahrungen als Tropenarzt in Asien. Zunächst arbeitete er auf der Insel Ceylon (heute Sri Lanka), wenig später dann in Petumbukan auf der Insel Sumatra in Niederländisch-Indien (heute Indonesien).

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab er seine Stelle dort auf, um nach Deutschland zurückzukehren. Er geriet jedoch auf Ceylon als „feindlicher Ausländer“ in britische Kriegsgefangenschaft. Mitgefangene berichteten von seiner segensreichen Tätigkeit im Internierungslager: „Besonders erwähnen möchte ich auch Herrn Dr. Heinemann aus Lüneburg, der – selbst Kriegsgefangener – sich in aufopfernder Weise der Kranken annahm und der unter der nominellen Aufsicht eines englischen Arztes alle Fälle selbst behandelte. Er war den Müttern bei der Entbindung eine erfahrene und vertrauenswerte Hilfe und hielt auch einen Kursus über erste Hilfe in Unglücksfällen, der stark besucht war. Sein Sprechzimmer lag in der Mitte des Lagers und war durch eine rote Kreuzflagge kenntlich.“

Da die Gefangennahme von medizinischem Personal gegen geltendes Völkerrecht verstieß, bemühte Henry Heinemann sich von Anfang an darum, wieder aus britischer Kriegsgefangenschaft freizukommen. Sein ältester Bruder Robert Heinemann, der Rechtsanwalt in Lüneburg war, konnte schließlich 1915 Henrys Freilassung und Rückkehr nach Deutschland erreichen.

Im Sommer 1915 heiratete Henry Heinemann in Wiesbach in Oberbayern seine Verlobte Dorothea Betty Masemann, genannt Dorle. Die beiden hatten sich auf Ceylon kennengelernt. Dort war Dorle in einem Kriegsgefangenenlager als Krankenschwester tätig gewesen. 1916 wurde ihr erstes Kind Martha in Wiesbach geboren, später zog die Familie nach Herrsching am Ammersee.

Henry Heinemann, der sich sofort nach seiner Rückkehr 1915 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, wurde Sanitätsoffizier der 2. Königlich Bayerischen Division. In dieser Funktion diente er sowohl in Deutschland als auch an der Front. In der Schlacht von Verdun wurde er verwundet. Als Bataillonsarzt an der Ostfront schrieb er eine größere Abhandlung über Hygiene und Gesundheitsvorsorge an der Front. Im Laufe des Krieges wurde er mehrfach befördert und mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet.

Sofort nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ging die Familie zurück nach Sumatra, wo Henry Heinemann wieder im Zentralhospital in Petumbukan arbeitete. 1920 wurde dort Sohn Heinz Otto geboren. Ab 1923 lebte die Familie dann in der Nähe von Medan in der Region Deli. Dort lag die große Tabakplantage Tandjong Morawa, die zur niederländischen Senembah Maatschappij gehörte. Henry Heinemann wurde der Chefarzt des zur Plantage gehörenden Krankenhauses. Später leitete er auch noch eine Poliklinik für Bedürftige. Außerdem veröffentlichte er weiterhin Artikel in Fachzeitschriften und arbeitete u.a. eng mit dem Tropeninstitut in Hamburg zusammen. Bald hatte er sich einen Ruf als bedeutender Tropenmediziner erarbeitet und war sowohl vor Ort als auch in der medizinischen Welt in Europa hochangesehen.

In einer Festschrift der Senembah Maatschappij hieß es 1939 (Übersetzung aus dem Niederländischen): „Neben der verdienstvollen Arbeit der anderen Ärzte von Senembah Maatschappij ist hier die Arbeit von Dr. Heinemann zu würdigen, der durch seine Untersuchungen unter den Arbeitern, durch (wie wir gesehen haben) die Kinderpflege und die Betreuung der werdenden Mütter großes Organisationstalent bewiesen hat und darüber hinaus die Diagnose und die medizinische Behandlung stets auf dem Stand der wissenschaftlichen Medizin gehalten hat. Er bemühte sich auch sehr, die Arbeiterbevölkerung mit den Begriffen der Hygiene, Ernährung und Kinderpflege vertraut zu machen, indem er unter ihnen Schriften in malaiischer Sprache verbreitete, die auch vom Ärztlichen Dienst von Niederländisch-Indien geschätzt wurden.“

Die Heinemanns gehörten auf Sumatra zur kolonialen Oberschicht, sie lebten in einem großen Haus mit vielen Bediensteten und waren eng in das Leben auf der Plantage eingebunden. Als Arzt behandelte Heinemann die Einheimischen meist ohne Bezahlung. Manchmal bekam er von seinen Patienten exotische Haustiere geschenkt - darunter Tigerbabys, ein Zwerghirsch oder ein Orang Utan, die dann eine Weile zum Haushalt der Familie gehörte. Wenn es auf der Plantage zu heiß wurde, verbrachten die Heinemanns Wochenenden und Ferienzeiten in Berastagi, einem Luftkurort in den Bergen. Die Heinemann-Kinder wuchsen zusammen mit den Kindern der holländischen Angestellten der Plantage auf. Als sie größer wurden, schickten Henry und Dorle Heinemann sie allerdings auf Internate in Europa.

Trotz der weiten Entfernung blieb Henry mit seinen Geschwistern und deren Familien in Kontakt: So besuchte ihn im Winter 1924/25 seine Lüneburger Nichte, die Ärztin Dr. Lotte Heinemann, in Sumatra. 1934 fuhren Henry und Dorle Heinemann mit ihren Kindern über das japanische Yokohama nach San Francisco und weiter nach Chicago, um dort Henrys Bruder Oscar Heineman zu besuchen. Im selben Jahr waren sie auch in der Schweiz, wo sie sich mit Henrys Bruder Otto Heinemann und seinen Neffen aus der Familie Jacobson trafen. Außerdem besuchte Henry in den 1920ern und 1930ern mehrfach seine Schwestern Martha und Emilie Heinemann in Lüneburg.

Als im Mai 1940 die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden einmarschierte, ließ die niederländische Kolonialmacht in Indonesien alle Deutschen internieren. Vemutlich betraf dies auch die Heinemanns. Der niederländische Schriftsteller Geert Mak, dessen Familie zu dieser Zeit in Medan lebte, beschreibt die Atmosphäre so: „In der kleinen Welt von Medan hatte inzwischen eine Hasskampagne gegen alles Deutsche begonnen. Jeder mit deutscher Staatsangehörigkeit wurde ohne Ansehen der Person eingesperrt: Nazis, Nazigegner, geflüchtete Juden, Missionare, Ärzte, Krankenschwestern [...]. Allein in Deli wurden so innerhalb weniger Tage gut zweihundert Deutsche interniert, darunter fünfundsiebzig Missionare und Ärzte der Rheinischen Mission. Der nette deutsche Chefarzt des städtischen Krankenhauses wurde entlassen, und Onkel Ludzer nahm seine Stelle ein.“ Möglicherweise bezieht sich der letzte Satz auf Dr. Henry Heinemann.

In Lüneburg wurde wenig später, im Sommer 1940, das alte Heinemannsche Familienhaus in der Großen Bäckerstraße 23, das Henry von seinen älteren Schwestern Martha und Emilie geerbt hatte, „arisiert“, das heißt zwangsweise und weit unter Wert von einem nichtjüdischen Käufer übernommen. Der Kaufpreis für das Haus, der sehr gering war, wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, auf das Henry Heinemann keinen direkten Zugriff hatte und das 1941 – wie alle „jüdischen Vermögenswerte“ - vom Deutschen Reich beschlagnahmt wurde. Zur gleichen Zeit wurde Henry Heinemann vom NS-Regime ausgebürgert.

Mit der Kriegserklärung der Niederlande an Japan im Dezember 1941 erreichte der Zweite Weltkrieg auch Niederländisch-Indien. Bis März 1942 eroberte die japanische Armee das gesamte Territorium der Kolonie. Die niederländischen Lager, in denen die Deutschen interniert waren, wurden nun von der japanischen Armee übernommen.

Der Erholungsort Berastagi, in dem Henry und Dorle Heinemann ein Haus hatten, wurde zu einem Internierungslager für Deutsche. Hier gab es keinen Stacheldraht, aber trotzdem strenge Kontrollen durch die japanischen Besatzer. Die Heinemanns standen unter eine Art Hausarrest. Dietlind Klappert, die als Kind von deutschen Missionaren in Berastagi interniert war, erinnerte sich später: „Sogar einen Arzt hatten wir am Ort. Dr. Heinemann war jüdischer und deutscher Herkunft. Unangefochten durfte er weiterarbeiten. Die japanische Besatzung wollte der indonesischen Bevölkerung die ärztliche Versorgung lassen. So hatten wir – für Gefangene außergewöhnlich – eine hervorragende ärztliche Betreuung.“

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten Henry und Dorle 1947 nach vielen Jahrzehnten in den Tropen nach Europa zurück, wo ihre beiden Kinder die Kriegszeit verbracht hatten. Sie lebten nun in Amsterdam. Henry Heinemann - inzwische niederländischer Staatsbürger - war dort weiterhin als Arzt tätig. Außerdem leitete er die Beratungsabteilung für Tropenkrankheiten am Königlichen Tropeninstitut. 1958 verlieh die Königin der Niederlande Dr. Henry Heinemann eine Auszeichnung für seine Verdienste um die Niederlande, den „Orde van Oranje-Nassau“.

1949 stellte Henry Heinemann in Deutschland Anträge auf Rückerstattung bzw. Entschädigung für sein Haus in der Großen Bäckerstraße 23. 1952 kam es zu einem Vergleich, nach dem die Familie des „Arisierers“ ihm 100.000 DM zahlen musste. 1955 hielten sich Henry und Dorle Heinemann für kurze Zeit in Lüneburg auf, vermutlich im Zusammenhang mit weiteren Entschädigungssachen der Familie. Bei diesem Besuch erlitt Dorle Heinemann einen Herzinfarkt und wurde in Lüneburg begraben. Ein Jahr später starb Henry Heinemann als Witwer in Amsterdam.

Sein Sohn Heinz Otto, der in den Niederlanden Medizin studiert hatte, ging später als Arzt nach New York und nannte sich dort Henry O. Heinemann. Seine Tochter Martha blieb in den Niederlanden und heiratete dort den Altphilologen Johan van Leeuwen.



Quellen und Infos:

https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Heinemann (mit vielen weiteren Verweisen)

Erinnerungen von Emilie Heinemann; Stadtarchiv Lüneburg, NBi33

Christian Böhringer, "Während des Krieges in Ceylon", in: Süddeutsche Monatshefte, Band 13, 1916, Seiten 44–45


Kriegstagebuch eines Truppenarztes von Dr. H. Heinemann, ehemals Bataillons-Arzt in einem bayerischen Infanterie.-Regiment. Mit Aufnahmen und Zeichnungen von Regimentskameraden, o.D. [Aufzeichnungen von 1916, als MS gebunden ca. 1919]

Gedenkboek „Senembah Maatschappij 1889-1939“, Amsterdam 1939, S. 80, 121-122

Briefe von Lotte Heinemann an ihre Mutter Selma Heinemann aus Tandjong Morawa, 1924-1925. Stadtarchiv Lüneburg, NMa 28b. Siehe zu diesem Besuch auch Manfred Göske: Eine tüchtige Ärztin in bester Erinnerung. Landeszeitung Lüneburg, 02.06.1982

Fotos und Informationen zu Dr. Henry Heinemann und zum Krankenhaus in Tandjong Morawa; Tropenmuseum Amsterdam

Auskünfte von Dr. Murk Hein Heinemann, New York, 2014

Einbürgerung Henry Heinemanns in den Niederlanden, 6. April 1940: https://naturalisaties.decalonne.nl/index.php?tablename=naturalisaties&function=details&where_field=Persnr&where_value=36960https://repository.overheid.nl/frbr/sgd/19391940/0000073569/1/pdf/SGD_19391940_0001364.pdf

Dokumente der Ausbürgerung von „Josef Henry Israel Heinemann“, 27.08.1941, Ausbürgerungskartei; Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Dietlind Klappert, Gefangen im Paradies. Eine Kindheit hinter Stacheldraht in Indonesien von 1938-1945. Gaebler Info und Genealogie, 2012, https://www.gaebler.info/2018/07/dietlind-klappert/#dk15

Geert Mak, Das Jahrhundert meines Vaters, München 2014, S. 267

Verleihung des "Orde van Oranje-Nassau, Graad: Officier" 1958, https://www.openarchieven.nl/search.php?useinsearch=1&name=Josef%20Henri++Heinemann&number_show=100&sort=1


Namensvarianten: Henri Joseph Josef