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Henry Jacobson [*1895]

Geboren am 06.10.1895 in Lüneburg, gestorben im Jahr 1964 in Woodmere, NY, USA im Alter von 69 Jahren
Henry und Gerda Jacobson, New York 1948; Privatbesitz Helga Schüssler
Henry und Gerda Jacobson, New York ...

Wohnort

Familie Meyer Mendel del Banco (1786-1797)
Familie Moses Gans (1797-ca. 1839)
Familie Philipp Behrens (1816-1869)
Familie Bernhard Behrens (1870-1893)
Familie Arnold Jacobson (1893-1913)

Am Markt 6
Lüneburg

Arbeitsstätte

Bankier Meyer Mendel del Banco, später Elisa del Banco (1786-1797)
Bankier Moses Gans (1797-ca. 1839)
Mobilienhandlung, Papierfabrik und Papierhandel Philipp Behrens, später Adele Behrens (1816-1860)
Wäsche- und Aussteuergeschäft Arnold Jacobson (ca. 1886-1932)
Warenhaus Gubi (1932-1938)

Am Markt 6
Lüneburg

Henry Jacobson wurde 1895 in der Großen Bäckerstraße 33, direkt am Lüneburger Marktplatz, als viertes von fünf Kindern geboren. Sein Vater war der Kaufmann Arnold Jacobson, der aus Malchow in Mecklenburg stammte und in Lüneburg ein Wäschegeschäft führte. Seine Mutter war Klara Heinemann, eine Tochter des Lüneburger Bankiers und Kaufmanns Marcus Heinemann.

Kurz nach Henrys Geburt zogen seine Eltern mit ihm und den Geschwistern in ein großes Haus am Markt, Ecke Bäckerstraße, schräg gegenüber von ihrem bisherigen Wohn- und Geschäftshaus. Arnold Jacobson hatte das historische Lüneburger Haus kurz zuvor gekauft und nach seinen Vorstellungen im neugotischen Stil neu erbauen lassen. In den unteren Etagen lagen die Geschäftsräume seines Wäsche- und Aussteuergeschäfts, oben wohnte die Familie.

Henry wuchs mitten in der Lüneburger Altstadt im Kreise seiner Geschwister auf, eng eingebunden in das familiäre Miteinander der Großfamilie Heinemann. Er besuchte das Gymnasium Johanneum und begann dann 1912 eine kaufmännische Ausbildung, zunächst in Dortmund, später in England. Von 1916 bis 1918 nahm Henry wie seine älteren Brüder Ernst und Richard am Ersten Weltkrieg teil. 1915 fiel Richard in Frankreich. Er hätte eigentlich das väterliche Geschäft übernehmen sollen. Diese Rolle fiel nun an Henry Jacobson. Nach dem Krieg kehrte er nach Lüneburg zurück und arbeitete gemeinsam mit seinen Eltern im Geschäft.

1923 heiratete Henry die aus Berlin stammende Gerda Silberstein. Sie war bereits einmal verheiratet gewesen, mit einem entfernten Verwandten von Henry aus der Mecklenburger Jacobson-Familie. Diese Ehe war jedoch schon nach kurzer Zeit geschieden worden. Gerda zog zu Henry nach Lüneburg. Die beiden wohnten zunächst in einer Wohnung in der Frommestraße. Dort wurde 1924 auch ihr erstes Kind Fred geboren.

1926 zog die junge Familie in ein neu erbautes, modernes Haus in der Gartenstraße, die sich gerade zu einer sehr beliebten Wohngegend am Rande der Altstadt entwickelte. 1928 wurden die Zwillinge Ellen und Inge geboren. Ellen starb schon mit sieben Monaten. 1931 kam dann noch das jüngste Kind Rena zur Welt.

1930 zog sich Henrys Vater Arnold Jacobson aus der Leitung seines Textilgeschäfts zurück, das er viele Jahrzehnte geleitet hatte. Als Henry Jacobson daraufhin zusammen mit seiner Frau Gerda den Betrieb übernahm, änderte er dessen Charakter von Grund auf. Nach dem Vorbild der US-Warenhauskette Woolworth wurde das große, traditionelle Wäschehaus Jacobson am Markt nun in ein modernes „Kleinpreisgeschäft“ namens Gubi (von „gut und billig“) verwandelt. Noch Jahrzehnte später erinnerten sich ältere Lüneburger, dort wegen des vielfältigen Angebots und der vielen Sonderangebote besonders gern eingekauft zu haben.

Arnold Jacobson starb im Februar 1933, kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Er hatte noch bis zuletzt bei Henry im Geschäft mitgearbeitet. Seine Witwe Klara blieb bei Henry und Familie in der Gartenstraße und unterstützte sie auch weiter bei Gubi.

Henry Jacobson hatte große Pläne für das Kaufhaus Gubi, aber nur sehr wenig Zeit, um sie umzusetzen. Sibylle Bollgöhn schrieb 1995 auf der Grundlage der Erinnerungen von Anny Latzer geb. Meer, die bei Gubi gearbeitet hatte: "Herr Jacobson war ein modern eingestellter Mensch, dies zeigte sich in der Konzeption seines Kaufhauses Gubi und auch im Umgang mit dem Personal. So mietete er z.B. einen öffentlichen Raum in der heutigen Musikschule an, damit die Belegschaft einmal in der Woche zum Turnen zusammenkommen konnte. 1933 war es Juden jedoch untersagt, in öffentlichen Räumen an Veranstaltungen teilzunehmen. Eine Verkäuferin von Gubi, Frau A., war "Obmann" in der NSDAP. Sie monierte deshalb auch die Teilnahme von Frau Latzer. Herr Jacobson organisierte einen anderen Turnraum."

Die Nationalsozialisten pflegten von Anfang an einen besonderen Hass auf die aus den USA importierten Kleinpreisgeschäfte, zumal auf solche mit jüdischen Eigentümern. Mit allen Mitteln versuchten sie seit 1933, die Jacobsons zum Aufgeben zu bewegen. Henrys 11-jähriger Sohn Fred wurde auf dem Gymnasium Johanneum so schikaniert, dass er schon 1935 auf eine jüdische Schule nach Hamburg wechselte.

Erhaltene Beschwerdebriefe Henry Jacobsons aus den ersten Jahren des NS-Regimes zeigen, dass vor dem Eingang von Gubi ab 1933 immer wieder Boykottaktionen stattfanden. NS-Aktivisten beklebten die Schaufenster mit antisemitischen Plakaten, während SA-Männer vor dem Eingang einkaufswillige Kunden schikanierten. Henry Jacobson wehrte sich mit allen Mitteln, hatte jedoch der staatlich sanktionierten Brutalität am Ende nicht viel entgegenzusetzen.

Kaum überraschend, richtete sich am 9. November 1938 die Gewalt des nationalsozialistischen Pogroms denn auch als erstes gegen das Kaufhaus Gubi: Die NS-Aktivisten zerstörten alle Fenster des großen Gebäudes und warfen massenhaft Waren, darunter auch Lebensmittel, von oben auf die Straße. Die Familie Jacobson war angesichts der gegen sie gerichteten Angriffe schon 1936 nach Hamburg umgezogen und wohnte nicht mehr in Lüneburg, sodass sie selbst in der Nacht nicht Ziel der Gewalt wurde.

Sobald Henry Jacobson jedoch am nächsten Morgen nach Lüneburg zurückkam, wurde er festgenommen und zunächst zusammen mit den anderen jüdischen Männern Lüneburgs im Gerichtsgefängnis eingesperrt, schräg gegenüber von seinem stark zerstörten Kaufhaus. Die nächste Station der Novemberpogrom-Häftlinge war das Konzentrationslager Sachsenhausen nach Berlin. Dort setzte man Henry Jacobson massiv unter Druck, so schnell wie möglich sein Eigentum zu verkaufen und das Land zu verlassen. Seine als Professorin in den USA lebende Schwester Anna, die bereits vor dem Pogrom die Auswanderung ihrer ganzen Familie vorbereitet hatte, organisierte ihm in kürzester Zeit US-Einreisepapiere. Seine Frau Gerda fuhr selbst ins KZ Sachsenhausen und setzte sich dort mit aller Kraft für seine schnelle Entlassung aus dem Lager ein.

Henry Jacobson wurde gezwungen, sein gesamtes Eigentum auf seine Frau Gerda zu überschreiben. Er selbst musste „direkt vom KZ aus zum Schiff“, wie sich sein Sohn Fred später erinnerte. Am 23. November 1938 floh er von Hamburg nach New York, zusammen mit seiner 10-jährigen Tochter Rena. Seine Frau kümmerte sich in Lüneburg noch um die Abwicklung des Zwangsverkaufs des Geschäfts und des Privathauses. Das Geschäft wurde mit allem Inventar weit unter Wert verkauft, ebenso wie das Haus der Jacobsons in der Gartenstraße. Wie bei allen „Arisierungen“ konnten die jüdischen Eigentümer nur über einen minimalen Teil des Kaufpreises verfügen.

Silvester 1939 floh auch Gerda Jacobson aus Deutschland. Zusammen mit der jüngsten Tochter Rena bestieg sie ein Schiff von Hamburg nach New York. Ihr Sohn Fred war schon im Sommer 1938 als 14-Jähriger allein zu seiner Tante Anna Jacobson nach New York ausgewandert. Als letzte aus der Familie verließ Henrys 64-jährige Mutter Klara dann ihre Heimatstadt Lüneburg, in der sie von Geburt an gelebt hatte.

In New York kam die Familie wieder zusammen, aber unter sehr schwierigen Bedingungen, „völlig mittellos und aus der Mitte eines erfolgreichen Arbeits- und Familienlebens herausgerissen, konfrontiert mit völlig neuen Lebensumständen“, wie Sohn Fred Jacobson es 1995 rückblickend beschrieb. Er erzählte auch, wie es dann weiterging: „Dank der Familie, die schon in Amerika war, und seiner Frau, die fleißig von morgens früh bis abends spät Kleidung zum Verkauf gestrickt hat (man muss dabei bedenken, dass Gerda bis dahin zwar immer im Geschäft mitgearbeitet hat, aber sich nicht hausfraulich betätigt hatte!) gelang es Henry zwei Jahre nach seiner Auswanderung in einer Vorstadt New Yorks einen kleinen Kleinpreisladen zu gründen, der die fünfköpfige Familie in diesem Land mit einer fremden Sprache über Wasser hielt. Die Familie etablierte sich gut in der kleinen Vorortstadt. Henry wurde sogar Vorsitzender von einer Gruppe von Geschäftsleuten dort.“

Sobald es nach dem Krieg möglich war, stellten die Jacobsons in Lüneburg Anträge auf Rückerstattung und Entschädigung für die erzwungenen Verkäufe ihres Eigentums. Die Verfahren zogen sich über viele Jahre hin. Schließlich wurde der Familie das Geschäftsgebäude am Markt wieder zugesprochen. Es gab jedoch bis zuletzt keine Entschädigung für das riesige Inventar des Kaufhauses. Henry Jacobson fuhr 1953 selbst zum ersten Mal wieder nach Lüneburg, um dort den Verkauf des Gebäudes zu organisieren. Die Reise war für ihn sehr schwer. Sybille Bollgöhn, die 1995 mit der Käuferin sprechen konnte, fasst zusammen: „Frau Beckhaus erinnert sich noch an das Jahr 1953, als die Verkaufsgespräche in Hamburg und Lüneburg geführt wurden. Ein für sie bedrückendes Erlebnis war die große Panik Herrn Jacobsons beim Anblick von uniformiertem Bahnpersonal und von Polizisten. Beim Anpfiff des Zuges auf dem Bahnhof in Hamburg fuhr ihm der Schrecken in die Glieder. – In Lüneburg, nach langer Zeit wieder ‚zu Hause‘, freute er sich auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Er wurde enttäuscht. Keiner empfing ihn, niemand hatte Zeit. Seinen alten Bekannten schien die Vergangenheit so peinlich zu sein, dass sie einer Wiederbegegnung auswichen. Enttäuscht reiste Herr Jacobson wieder nach Amerika ab.“

1964 starb Henry Jacobson in Woodmere, New York.

Quellen und Informationen:

Sybille Bollgöhn, Jüdische Familien in Lüneburg, Lüneburg 1995, S. 56-69

Tobias Adam, Die Familie Jacobson und das Kaufhaus GUBI, in: Hanno Balz (Hrsg.): Verdrängung und Profit. Die Geschichte der "Arisierung" jüdischen Eigentums in Lüneburg 1933-1945, S. 56-62