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Anna Rebecca Levy, geborene Heinemann [*1869]

Geboren am 21.11.1869 in Lüneburg, gestorben im Jahr 1942 in Treblinka im Alter von 73 Jahren
Anna Heinemann, 1880er Jahre; Privatbesitz Becki Cohn-Vragas
Anna Heinemann, 1880er Jahre; ...
Anna Levy geb. Heinemann mit ihrem Mann Otto; Sammlung Göske, Museum Lüneburg
Anna Levy geb. Heinemann mit ihrem Mann ...

Wohnort

Familie Abraham Ahrons (1763-1790)
Familie Isaak Abraham Ahrons (1790-1799)
Familie Marcus Heinemann (1862-1939)
Familie Salomon Heinemann (1860er)
Adolf und Hulda Schickler (1935-1942)
Sally und Lucie Baden-Behr (1939, 1941)

Große Bäckerstraße 23
Lüneburg

Anna Rebecca Heinemann war das elfte Kind von Marcus Heinemann und seiner Frau Henriette geb. Lindenberg. Sie wurde 1869 in Lüneburg geboren und wuchs im großen Kreis ihrer Geschwister in der Großen Bäckerstraße 23 auf. Besonders eng war sie mit ihren nur wenig jüngeren Geschwistern Ida und Otto verbunden. Wie die meisten Heinemann-Töchter besuchte Anna die Höhere Töchterschule in Lüneburg. Später absolvierte sie möglicherweise auch das daran anschließende Lehrerinnenseminar. 

1897 heiratete Anna, die inzwischen Lehrerin war, in Lüneburg den Berliner Kaufmann Otto Levy. Er stammte aus Malchow in Mecklenburg. Vermutlich war der Kontakt zu ihm über Annas Schwager Arnold Jacobson zustandegekommen, der ebenfalls aus Malchow kam und seit 1886 mit Annas älterer Schwester Klara verheiratet war. Anna zog zu Otto Levy nach Berlin. Die beiden wohnten zunächst im Tiergartenviertel. Otto Levy betrieb in Berlin-Mitte eine gutgehende Krawatten- und Wäschefabrik. Die Ehe blieb viele Jahre kinderlos.

Die Jahre 1908/1909 brachten für Anna und Otto Levy zwei große Veränderungen. Zum einen entschieden sie sich, aus der Innenstadt Berlins herauszuziehen. Sie beauftragten den Architekten Max Fraenkel, ihnen im gerade entstehenden modernen Villenviertel Nikolassee im Südwesten von Berlin eine Villa zu bauen.

Zum anderen reagierten sie beherzt auf eine schwierige Situation in der Familie Jacobson in Malchow: Dort war im November 1908 Ernst geboren worden, der erste Sohn von Ottos Bruder Richard Levy und seiner Frau Emma. Die Mutter war im Kindbett gestorben. Richard Levy, offenbar überfordert von der Situation, ging zurück in die USA, wo er schon zuvor gewohnt hatte. Die Familie in Malchow versuchte sich um das Baby zu kümmern und fanden eine Amme in Parchim, die Ernst zu sich nahm. Als der Eindruck entstand, dass die Amme das Kind vernachlässigte, sprangen Anna und Otto Levy kurzentschlossen ein. Anna war zu diesem Zeitpunkt fast 40, Otto Levy 45 Jahre alt. Sie holten den kleinen Ernst nach Berlin und adoptierten ihn einige Jahre später.

In Berin-Nikolassee in der Rehwiese 4, in ihrem schönen neuen Haus umgeben von einem großen Garten, begannen die drei nun ihr Leben als Familie. Ernst wuchs in einer liebevollen und großzügigen Umgebung auf, besuchte die besten Schulen und war in jeder Hinsicht der Sonnenschein seiner Eltern. Nach der Schule fing er zunächst ein Studium als Textilingenieur an, wechselte dann aber zu Jura. 

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, begannen für die Familie schwierige Zeiten. Ernst, der sein Jura-Studium inzwischen beendet hatte, wurde als Referendar am berühmten Berliner Kammergericht entlassen. Er floh nach Paris, wo er sich wieder für Jura einschrieb und sich mit verschiedenen Jobs seinen Lebensunterhalt verdiente.

Durch die NS-Verfolgungsmaßnahmen hatte Otto Levy in Berlin kaum noch Einnahmequellen. Für Anna und ihn wurde es immer schwerer, sich finanziell über Wasser zu halten. Anna Levy beschloss, in dem großen Haus Zimmer zu vermieten, um das Familieneinkommen aufzubessern. Nach und nach wurden immer mehr Teile des Hauses vermietet. Unter anderem wohnte der Schriftsteller Ödon von Horvath eine Weile in der Villa an der Rehwiese. Anna genoss es, mit ihm über Literatur zu sprechen und von ihm Bücher auszuleihen.

Anna und Otto Levy vermissten ihren Sohn sehr. Anna schrieb regelmäßig lange Briefe und ließ ihn so an ihrem Leben teilhaben. Als Ernst 1935 eine Französin heiratete, begann sie auf Französisch zu schreiben, um ihre Schwiegertochter mit einzubeziehen. 1936 bekamen Ernst und seine Frau einen Sohn. Anna schickte Kinderkleidung und andere Geschenke nach Paris. Anna und Otto waren hoch erfreut, als Mutter und Kind 1936 zwei Monate mit ihnen in Nikolassee verbrachten und den Alltag der stolzen Großeltern belebten. 1937 besuchten Anna und Otto Levy die junge Familie in Paris und sahen so zum ersten Mal seit 1933 ihren Sohn wieder. Die Levys senior planten nun ebenfalls ihre Auswanderung, am liebsten nach Frankreich in die Nähe von Ernst.

1938 waren Anna und Otto Levy gezwungen, ihr geliebtes Haus in der Rehwiese weit unter Wert zu verkaufen und in eine möblierte Wohnung umzuziehen. Fast der gesamte Erlös aus dem Hausverkauf ging in verschiedene antisemitische Steuern und Zwangsabgaben, auf den kleinen Rest hatten sie nur sehr begrenzt Zugriff. Außerdem hatten sie keinerlei Mieteinnahmen mehr. Sie verstärkten ihre Bemühungen um Auswanderung, aber am Ende schlugen alle Pläne fehl. Seit dem Kriegsbeginn im September 1939 saßen Anna und Otto Levy in Berlin fest. Bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 konnte Annas Bruder Otto Heinemann aus New York sie noch finanziell unterstützen, danach waren sie komplett mittellos.

Am 10. September 1942 wurden die beiden in einem der großen "Alterstransporte" vom Anhalter Bahnhof in Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, am 29. September von dort weiter ins Vernichtungslager Treblinka. Dort wurden Anna und Otto Levy kurz nach ihrer Ankunft ermordet.


Quellen und Infos:

Virtueller Stolperstein für Anna Levy in Berlin: https://www.stolpersteine-berlin.de/de/der-rehwiese/4/anna-levy

Transportliste "Alterstransport" I/63, Berlin nach Theresienstadt, 10.09.1942 und Karteikarte für Anna Levy, Arolsen Archives:

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127205110;

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11243762

Informationen zum Transport I/63 von Berlin nach Theresienstadt: https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5093045

Informationen zum Transport Bs von Theresienstadt nach Treblinka, 29.09.1942: https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5091987

Eintrag für Anna Levy, Opferdatenbank holocaust.cz, https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/21128-anna-levy/