Der jüdische Friedhof (1823-1939)

Am Neuen Felde 10
Lüneburg

Bis in die 1820er Jahre mussten die Toten der Lüneburger jüdischen Gemeinde in den weit entfernt gelegenen Orten Winsen, Harburg oder Bleckede bestattet werden.

Erst 1823 gewährte der Lüneburger Magistrat der Gemeinde endlich das Recht auf einen eigenen Friedhof – weit vor den Toren der Stadt, bei der ehemaligen Tatterschanze (heute „Am Neuen Felde“). Soweit bisher bekannt, fand Anfang 1828 die erste Beisetzung statt: der Lehrer der Synagogengemeinde ###Selig Leser### wurde damals auf dem neuen Friedhof zu Grabe getragen.

Mit der jüdischen Gemeinde wuchs in den kommenden Jahrzehnten auch der Friedhof. 1870 gab es fast vierzig Gräber, 1890 dann schon fast achtzig. Im Jahre 1895 ließ die Gemeinde den Friedhof deshalb zum ersten Mal erweitern. 1912 stifteten Moritz und Betty Jacobsohn eine Trauerhalle, im Gedenken an ihren kurz zuvor verstorbenen Sohn Albert. Sie entstand nach Plänen des bekannten Lüneburger Architekten Franz Krüger.

1922, als der Friedhof fast 140 Gräber umfasste, gab es eine zweite Erweiterung. Wachsender Antisemitismus und Wirtschaftskrisen ließen die Gemeinde in den folgenden Jahre jedoch immer kleiner werden, sodass diese zusätzliche Fläche nie mit Gräbern belegt wurde.

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 schändeten und zerstörten NS-Aktivisten erstmals den Friedhof. 1939 gab es mit ###Betty Dublon### noch eine letzte Beisetzung. Die Friedhofsfläche blieb intakt, die meisten Steine standen noch. Die Stadt nutzte die kleine Trauerhalle als Schuppen für das Gartenamt, später wurde sie an eine Tischlerei vermietet.

Im Winter 1943/44 ließ die Stadt Lüneburg das Friedhofsgelände radikal "säubern" und planieren. Fast alle Grabsteine wurden abgeräumt und vermutlich zur weiteren Verwertung verkauft. Danach wurde auf einem Teil des Grundstücks ein Behelfsheim errichtet. Das Fundament bildeten die letzten noch vorhandenen Grabsteine des jüdischen Friedhofs. Andere Teile des Friedhofs wurden als Gemüsebeet genutzt. 

Auch nach dem Krieg blieb der Friedhof Ackerland und Wohngrundstück. Die neue jüdische Gemeinde, die sich im Sommer 1945 in Lüneburg gründete, war gezwungen, ihre Toten an anderen Orten zu begraben. Eigentümer des Grundstücks wurde nun die Jewish Trust Corporation, die in Deutschland das Vermögen aller jüdischen Gemeinden übernahm, die  aufgrund der Verfolgung nicht mehr existierten. Später übernahm der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Niedersachsen das Grundstück.

Zwanzig Jahre lang weigerte sich die Stadt Lüneburg, den Friedhof - der nach seiner Zerstörung und Vernachlässigung kaum noch als solcher zu erkennen war - zu einem Ort des Gedenkens zu machen. Erst nachdem sich Angehörige von Lüneburger jüdischen Familien aus dem Ausland einschalteten, ließ man schließlich 1965 einen Gedenkstein mit einer allgemein gehaltenen Aufschrift errichten.

Als 1967 das Behelfsheim abgerissen wurde, ließ die Stadt die wenigen zuvor als Fundament genutzten – und so erhaltenen – Grabsteine fotografisch dokumentieren. Der Umgang mit diesen „Funden“ war allerdings halbherzig. So sind einzelne Bruchstücke von Grabsteinen, die in den 1960ern noch von Angehörigen identifiziert werden konnten, heute nicht mehr auffindbar. Und mehrere Grabsteine, die 1967 nach dem Fund noch vollständig fotografiert worden waren, ließ man aus unerfindlichem Grund in zwei oder drei Teile zerlegen.

1970 wurden 13 Grabsteine wieder aufgestellt, einige davon nur als Fragment. Da die Lage der ursprünglichen Grabstätten nicht mehr zu ermitteln war, stellte man sie willkürlich in einer Reihe am Rande des ursprünglichen Bestattungsfeldes auf. 1989 ließ die Stadt eine weitere Erinnerungstafel an der Trauerhalle anbringen. Der Friedhof blieb trotzdem jahrzehntelang ein vergessener Ort, der sogar vielen Bewohnern der Stadt nicht bekannt war.

2022 begann die die Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit Lüneburg mit einem Projekt zur Sanierung des Friedhofs. Als erstes konnte die über Jahrzehnte vernachlässigte Trauerhalle wiederhergestellt werden. Sie ist das letzte noch bestehendes jüdische Gemeindegebäude in der Stadt. 2024 wurde der restaurierte und behutsam sanierte Bau dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen übergeben. Die Trauerhalle dient nun als Lern-, Begegnungs- und Erinnerungsort.

Der zweite Sanierungsabschnitt, der aktuell (Anfang 2026) noch in Gang ist, betrifft den Friedhof selbst. Es wird versucht, auf Grundlage de wenigen erhaltenen historischen Dokumente und Fotos das Gelände so zu gestalten, dass es wieder als jüdischer Friedhof erkennbar ist. Die wenigen erhaltenen Grabsteine werden, soweit möglich, in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder aufgestellt. Im Zentrum des Friedhofs werden sechs steinerne Stelen aufgestellt, auf denen die Namen aller hier zwischen 1828 und 1838 Bestatteten stehen. So soll die Erinnerung an den Friedhof als Ort der historischen jüdischen Gemeinde Lüneburgs wachgehalten werden.

Zugleich wird der Ort von nun an nicht nur ein Ort der Erinnerung sein, sondern auch in der Gegenwart wieder als Friedhof genutzt werden können: Ein Teil außerhalb des früheren Bestattungsbereichs wird für künftige Bestattungen vorgehalten.

 

Quellen und Infos:

Epigraphische Datenbank epidat, Steinheim-institut: Information zum jüdischen Friedhof Lüneburg und seinen noch existierenden Grabsteinen

GcjZ Lüneburg: Der Jüdische Friedhof

GcjZ Lüneburg: Die Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof

Uta Reinhardt, Der jüdische Friedhof in Lüneburg und die Leichenhalle des Architekten Franz Krüger, in: Lüneburger Blätter Band 31, Lüneburg 2004, S. 205-209

Stadtarchiv Lüneburg, AA 5941: Judenkirchhof, 1823-1924

Stadtarchiv Lüneburg, VA 3 6742901: Jüdischer Friedhof, 1931-1989






Zerstörung des jüdischen Friedhofs in den 1940er Jahren; Stadtarchiv Lüneburg
Zerstörung des jüdischen Friedhofs in ...
Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof, 1920er ; Privatbesitz Ruth Lustig, Israel
Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof, ...
Zentrale Anlage (Grabstelle Albert Jacobsohn) auf dem Jüdischen Friedhof, o.D.; Museum Lüneburg
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Gedenkstein von 1965 auf dem früheren jüdischen Friedhof; Foto Maja Schütte-Hoof
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Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof, 1912, Foto: Franz Krüger. Quelle: Museum Lüneburg
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Plan für die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof, 1912, Zeichnung: Franz Krüger. Quelle: Museum Lüneburg
Plan für die Trauerhalle auf dem ...
Zerstörung des jüdischen Friedhofs in den 1940er Jahren; Stadtarchiv Lüneburg
Zerstörung des jüdischen Friedhofs in ...
Zerstörung des jüdischen Friedhofs in den 1940er Jahren; Stadtarchiv Lüneburg
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