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bisher: Adolf Jacobsohn [*1886]


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Hermann Jacobsohn [*1879]

Geboren am 30.08.1879 in Lüneburg, gestorben am 27.04.1933 in Marburg im Alter von 54 Jahren
Hermann Jacobsohn, o.D.; Privatbesitz Ruth Verroen
Hermann Jacobsohn, o.D.; Privatbesitz ...
Hermann Jacobsohn als Kind, um 1884; Privatbesitz Ruth Verroen
Hermann Jacobsohn als Kind, um 1884; ...
Hermann Jacobsohn, o.D.; Privatbesitz Ruth Verroen
Hermann Jacobsohn, o.D.; Privatbesitz ...
Hermann und Grete Jacobsohn mit Kindern zu Besuch in Lüneburg, um 1910; Privatbesitz Ruth Verroen
Hermann und Grete Jacobsohn mit Kindern ...
Hermann Jacobsohn, o.D.; Museum Lüneburg
Hermann Jacobsohn, o.D.; Museum ...

Wohnort

Familie Moritz Jacobsohn (1889-1936)

Schulstraße 2 (Haagestraße 2)
Lüneburg

Wohnort

Familie W.H. Michaels (1846-1860er)
Familie Valentin (1872-1925)
Moritz Jacobsohn und Familie (1863-1889)
Bertha und Sophie Jacobsohn (1889-1926)

Große Bäckerstraße 25
Lüneburg

Hermann Jacobsohn wurde 1879 in Lüneburg in der Großen Bäckerstraße 25 geboren, als zweites Kind des Bankiers Moritz Mendel Jacobsohn und dessen Frau Betty geb. Heinemann. Im Kreise seiner Geschwister und vieler Cousins und Cousinen aus der Großfamilie Heinemann wuchs er in Lüneburg auf. Als Hermann zehn Jahre alt war, zog die Familie Jacobsohn in eine Villa in der Haagestraße, die von einem großen Garten umgeben war. Gleich nebenan lag das altehrwürdige Gymnasium Johanneum, das Hermann wie seine jüngeren Brüder Albert und Adolf bis zum Abitur besuchte. 

1891 schrieb der junge Hermann Jacobsohn einen Brief an Kaiser Wilhelm I., der einen guten Einblick in die Erziehung und die Atmosphäre im Hause Jacobsohn gewährt: "Hochverehrte Majestät! Ich, einer der geringsten Unterthanen seiner Majestät richte an seine Majestät die flehentliche Bitte, mir eine Gnade zu erweisen. Ich gehe zur Quinta und mein größter Wunsch ist es, Kadett zu werden. Ich kann aber keiner werden, weil ich ein Jude bin. Mein Vater, hiesiger Banquier, früher Infanterielieutenant im Dienste seiner Majestät ist sicherlich einverstanden. Und nun richte ich an Seine Majestät die flehentliche Bitte, mir diesen Wunsch zu gestatten. Mein ganzes Leben lang will ich dann Seiner Majestät in Krieg [und] Frieden beistehen. Ich bin 11 Jahre alt. Ihr getreuer Unterthan Hermann Jacobsohn"

Dieser frühe Berufswunsch ging nicht in Erfüllung. Schon bald trat die Idee einer ganz anderen Laufbahn an seine Stelle, sicher stark geprägt durch die profunde altsprachliche Ausbildung am Johanneum: Hermann Jacobsohn wollte Philologe werden. Er hatte ein außerordentliches Talent für Sprachen, konnte der Überlieferung nach jede Sprache innerhalb von sechs Wochen lernen. Hinzu kam ein großes Interesse an Philosophie und Geistesgeschichte, das ihn eng mit seinem Lüneburger Cousin Fritz Heinemann verband.

1898 begann Hermann Jacobsohn ein Studium der Altphilologie und Indogermanistik, zuerst in Freiburg, später in Berlin und Göttingen. 1903 schloss er seine Doktorarbeit über den Dichter Plautus ab und wurde an der Universität Göttingen mit „summa cum laude“ promoviert. 

Sofort danach verlobte er sich mit Margarete "Grete" Flemming aus Lüneburg, eine Tochter des Augenarztes Flemming, die wenige Schritte von den Jacobsohns entfernt in der Wandrahmstraße aufgewachsen war, gleich neben dem Museum. Grete und Hermann hatten sich schon als Teenager in Lüneburg kennengelernt, im Zuge einer privaten Tanzstunde im Hause Jacobsohn. Im Vorfeld dieser Verlobung hatte Hermann Jacobsohn lange mit seinem Vater ringen müssen, der zunächst große Vorbehalte gegen eine Nicht-Jüdin als Schwiegertochter gehabt hatte. 1905 heirateten Hermann Jacobsohn und Grete Flemming.

Hermann Jacobsohns erste Anstellung nach der Promotion war ab 1904 beim Forschungs- und Publikationsprojekt "Thesaurus Linguae Latinae“ in München. Nach der Heirat 1905 ließen sich Hermann und Grete Jacobsohn in München nieder. Dort kamen in den folgenden Jahren ihre Kinder Helmuth, Lore und Hanna zur Welt. Ihre Eltern erzogen sie bewusst „frei religiös“, feierten sowohl jüdische als auch christliche Festtage und machten sie mit den Grundlagen beider Konfessionen vertraut.

In München arbeitete Hermann Jacobsohn an seiner Habilitation. Zu dieser Zeit war es für Akademiker jüdischer Herkunft so gut wie unmöglich, einen Lehrstuhl an einer deutschen Universität zu erhalten. Aber genau das war Hermann Jacobsohns Ziel, gegen alle Widerstände. 1911 ging er von München an die Universität Marburg, um dort eine Stelle als außerordentlicher Professor für Indogermanische Sprachwissenschaft anzutreten. Nach dem Krieg wurde sie in eine ordentliche Professur verwandelt, ab 1922 in ein planmäßiges Ordinariat für Indogermanische Philologie. Jacobsohn hatte sein Ziel erreicht.

Im Ersten Weltkrieg war Hermann Jacobsohn als Dolmetscher in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern tätig. Nebenher konnte er dort auch seine linguistischen und historischen Studien vorantreiben, vor allem hinsichtlich der finnisch-ugrischen Sprachen. Kurz nach Ende des Krieges kam im November 1918 Adolf zur Welt, das vierte Kind von Hermann und Margarete Jacobsohn.

Mit dem Beginn der Weimarer Republik engagierte Hermann Jacobsohn sich auch stärker politisch. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und war im Winter 1918/1919 im Wahlkampf zur Nationalversammlung im Landkreis Marburg als Parteiredner aktiv. Auch in den nächsten Jahren war die liberale Politik und das Einstehen für die Weimarer Republik für ihn von großer Bedeutung, zusätzlich zu seinen zahlreichen wissenschaftlichen Forschungen und Publikationen als hochangesehener Professor in Marburg.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten erfüllte ihn mit großer Sorge. Wegen seiner politischen Aktivitäten und auch seiner jüdischen Herkunft verfolgte das NS-Regime ihn von Anfang an. Dennoch lehnte er das Angebot einer Professur in Basel ab. Hermann Jacobsohns Enkelin Ruth Verroen schreibt dazu: „Seinem schon in seiner Studentenzeit gefassten Lebensmotto und Lebensziel gemäß – das Zusammenlaben von Juden und Nicht-Juden in Deutschland kann und muss gelingen – war und blieb sein Platz, aller Nöte, Ängste und düsterer Aussichten zum Trotz, in Deutschland.“

Am 25. April 1933, kurz nach dem Beginn der NS-Herrschaft, wurde er als Professor an der Universität Marburg entlassen. Ihn ergriff eine existenzielle Verzweiflung, wie Ruth Verroen schreibt: „Hermann Jacobsohns ‚Lebenswerk‘ war gescheitert. Am 27. April warf er sich in der Nähe des Marburger Südbahnhofs, nicht weit von seinem Zuhause in der Weißenburgstraße, vor einen durchfahrenden Zug.“

Am 30. April wurde Hermann Jacobsohn in seiner Geburtsstadt Lüneburg auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Die Trauerrede hielt Hermann Ubbelohde, ein protestantischer Pfarrer und alter Freund Jacobsohns. Ubbelohde konnte diese Rede noch im Mai 1933 in der Zeitschrift „Christliche Welt“ veröffentlichen. Er schrieb über die außergewöhnliche Trauerfeier für Hermann Jacobsohn: „Seine Beerdigung erhielt dadurch ein besonderes Gepräge, dass außer dem zuständigen Rabbiner und dem Vertreter seiner Universität und Fakultät noch zwei Freunde aus dem deutschen Protestantismus des Heimgegangenen gedachten: ein Historiker und ein Studienfreund [...] und ein Theologe seiner norddeutschen Heimat. In seiner Vaterstadt [...] ruht er nun aus von dem Widerstreit der Meinungen, der ewigen Vollendung entgegen.“

Sein Tod wurde auch über Deutschland hinaus wahrgenommen. In der New York Times erschien Ende April 1933 ein Artikel über die brutale Verfolgung von Minderheiten in Deutschland, in dem Hermann Jacobsohns Tod die Titelzeile und wichtigste Nachricht bildete: „Professor ousted by Nazis ends life. – Jew Dismissed from University Leaps in Front of Train [...] – Berlin, April 28 (AP). Professor Hermann Jakobsohn, a Jew dismissed from the faculty of Marburg University, committed suicide in Marburg today by throwing himsef before a train.“ Hermann Jacobsons Cousin Hans Heinemann, der seit zehn Jahren in den USA lebte, schnitt diesen Artikel aus der Zeitung aus und bewahrte ihn bis an sein Lebensende auf.

Auch in den Lüneburgschen Anzeigen erschien Anfang Mai 1933 noch ein Nachruf auf den großen Sohn der Stadt, der jedoch die Umstände seines Todes nicht genau benannte: „Der auf tragische Weise ums Leben gekommene ordentliche Professor der vergleichenden Indogermanischen Sprachwissenschaft in Marburg, Professor Dr. Hermann Jacobsohn, wurde am letzten Sonntag vormittag in seiner Vaterstadt Lüneburg beigesetzt. Bei der Trauerfeier, die im elterlichen Hause in der Haagestraße stattfand, wurde der hervorragende Gelehrte von mehreren Seiten in ehrlicher und aufrichtiger Trauer gewürdigt.“ Genannt wurden Rabbiner Gordon aus Harburg, der Publizist Dr. Johannes Rathje als Freund, Professor Jacobstal von der Universität Marburg und Pastor Hermann Ubbelohde. Letzterer „stellte dieses Leben noch einmal unter Worte der Heiligen Schrift: Das Wort habe Hermann Jacobsohn verkündet, durch das Wort sei er so überaus Vielen zu großem Segen geworden, das Worte Gottes allein gewähre den Trost in der Tragik dieses Todes. – Dann wurde der treue Sohn unserer Vaterstadt zur letzten Ruhe gebettet an der Seite seines Vaters: möge die Erde der Heimat ihm leicht sein! Alle, die ihn kannten, werden ihn nicht vergessen.“

Hermann Jacobsohns Lüneburger Tante Emilie Heinemann, die in der großen Familienbibel der Heinemanns die Chronik weiterführte, die ihr Vater Marcus Heinemann einst begonnen hatte, fügte der Auflistung der Kinder von Betty und Moritz Jacobson eine kurze Notiz hinzu: „Hermann J. gestorben am 27. April 33, ein Opfer der Zeit.“

Quellen und Infos:

Ruth Verroen, Leben Sie? Die Geschichte einer jüdischen Familie in Deutschland, Marburg 2015, passim, Zitate S. 13, 78, 79

Hermann Jacobsohn zum Gedenken. 30. August 1879-27. April 1933. Herausgegeben von Maja I. Schütte-Hoof im Auftrag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. an seinem 90. Todestag, Lüneburg, den 27. April 2023. Download hier: https://lueneburg.deutscher-koordinierungsrat.de/gcjz-lueneburg-jacobsohn

Eintrag zu Hermann Jacobsohn auf der Website des Gymnasiums Johanneum, Lüneburg, https://johanneum-lueneburg.de/wordpress/hermann-jacobsohn-detailinformationen/

Eintrag zu Hermann Jacobsohn, Datenbank „Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933-1945. Begründet von Utz Maas“, https://zflprojekte.de/sprachforscher-im-exil/index.php/catalog/j/271-jacobsohn-hermann/

Zum Stolperstein für Hermann Jacobsohn in Marburg, Geschichtswerkstatt Marburg e.V.,
https://www.geschichtswerkstatt-marburg.de/projekte/jacobs.php

„Professor Ousted by Nazis Ends Life“, in: New York Times, o. D. [Ende April 1933], Privatbesitz Kristina Heinemann

„Professor Hermann Jacobson gestorben“, in: Lüneburgsche Anzeigen vom 2. Mai 1933 (gezeichnet „-e“)

Familienbibel Marcus Heinemann, Museum Lüneburg