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Gertrud Heinemann, 1912... |

Gertrud Heinemann mit ihrem Verlobten ... |

Gertrud Heinemann, um 1960... |
Tochter von
Schwester von
Familie Robert Heinemann (1888-1898)
Obere Schrangenstraße 11
Lüneburg
Familie Robert Heinemann (1898-1920), Witwe Selma Heinemann (1920-1931), Dr. Lotte Heinemann (1931-1936)
Gertrud Heinemann war das dritte von sechs Kindern des Rechtsanwalts Robert Heinemann und seiner Frau Selma geb. Sternau. Sie kam 1891 in Lüneburg zur Welt und wuchs im Kreise ihrer Geschwister auf, zunächst in der Oberen Schrangenstraße, dann in der Schießgrabenstraße. Wie ihre Schwestern Else und Lotte besuchte sie in Lüneburg die Höhere Töchterschule. Später machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester.
Ende 1911 verlobte Gertrud Heinemann sich mit ihrem Cousin, dem jungen Bankier Albert Jacobsohn, der gerade eine schwere Operation hinter sich hatte und auf dem Wege der Genesung zu sein schien. Aber sein Gehirntumor kam zurück und war nicht mehr heilbar. Albert starb im April 1912; Gertrud hatte ihren Verlobten verloren.
1914 begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester in Hamburg im Israelitischen Krankenhaus. Zunächst scheint sie zumindest teilweise noch zu Hause in Lüneburg gewohnt zu haben, 1919 zog sie dann endgültig nach Hamburg und arbeitete weiter im Israelitischen Krankenhaus. Diese hochangesehene und moderne Klinik, in der Patienten jeder Konfession behandelt wurden, war im 19. Jahrhundert von Salomon Heine gegründet worden, dem Onkel von Heinrich Heine. 1920 kam auch Gertruds jüngster Bruder Hans Heinemann nach Hamburg, um dort seine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren.
Zeit ihres Lebens war Gertrud eng mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester Lotte Heinemann verbunden, die Medizin studierte und später in Lüneburg als Kinderärztin praktizierte. Die beiden unternahmen 1927 eine große Reise in die USA. Ihre Brüder Kurt und Hans waren beide 1923 dorthin ausgewandert und lebten nun in New York, ebenso wie ihre Cousine Anna Jacobson.
Nach 1933 geriet das Israelitische Krankenhaus in Hamburg wegen antisemitischer Maßnahmen und Boykotte des NS-Regimes unter ständig wachsenden Druck. Aber einige Ärzte und Schwestern blieben trotz aller Schikanen, um die ärztliche Versorgung im Stadtteil St. Georg und weit darüber hinaus weiter sicherzustellen. Zu ihnen gehörte auch Gertrud Heinemann. 1934 reiste sie erneut in die USA, zu ihrem Bruder Hans Heinemann, der inzwischen mit Frau und Kindern in Connectitut wohnte. Möglicherweise plante sie auch schon ihre eigene Emigration in die USA. Zunächst kehrte sie jedoch nach Hamburg zurück und arbeitete weiter im Israelitischen Krankenhaus.
Im Herbst 1938 wurden neue antisemitische Gesetze erlassen, darunter ein Berufsverbot für alle "nicht-arischen" Ärzte. Nur einige wenige durften unter dem herabsetzenden Titel "Krankenbehandler" weiter praktizieren und nur noch Menschen jüdischer Herkunft behandeln. Für das Israelitische Krankenhaus in Hamburg bedeutete das das Ende - jedenfalls fast. Die meisten Ärzte und Schwestern versuchten das Land zu verlassen. 1939 musste das große moderne Krankenhausgebäude aufgegeben werden. Das Krankenhaus existierte von da an nur noch in extrem verkleinerter Form in provisorischen Behausungen.
Gertrud Heinemann, die offenbar bis zuletzt am Krankenhaus arbeitete, schaffte es noch im Mai 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, aus Deutschland zu fliehen. Sie ging nach New York zu ihrer Schwester Lotte, deren Existenz als Ärztin in Lüneburg die Nationalsozialisten schon früh zerstört hatten und die bereits 1936 geflohen war.
Lotte Heinemann wohnte im Norden von Manhattan, in Washington Heights, das damals stark von deutsch-jüdischen Exilanten geprägt war. Dieser Stadtteil wurde auch Gertruds Zuhause. Viele Jahrzehnte hatten die beiden Schwestern Wohnungen im selben Haus oder zumindest ganz in der Nähe voneinander. 1947 kam auch ihre Cousine Grete Lindenberg nach New York, die 1939 nach Großbritannien geflohen war. Sie zog in die Nähe ihrer beiden Cousinen, zu denen sie ein sehr enges Verhältnis hatte. Die drei unternahmen in den nächsten Jahrzehnten viel zusammen. Oft gingen sie auf Reisen und besuchten Familienangehörige in aller Welt.
Beruflich war es für Gertrud Heinemann wie für die meisten Flüchtlinge aus Deutschland zunächst nicht leicht. Zuerst arbeitete sie in der privaten Pflege und besuchte parallel dazu Sprachkurse. Schließlich konnte sie auf Englisch ihr US-Schwesternexamen ablegen und wieder in Krankenhäusern arbeiten. Vielleicht unterstützte sie auch ihre Schwester Lotte, die ebenfalls alle ihre Examen erneut abgelegt hatte und wieder als Kinderärztin praktizierte. Auf jeden Fall kümmerte Gertrud sich in den 1950er Jahren intensiv um die Familie ihrer Nichte Eva Cohn (Tochter von Else Rhee), die zeitweilig ebenfalls in New York lebte.
1966 gab Gertrud Heinemann ein größeres Konvolut von historischen Familiendokumenten der Lüneburger Heinemanns ans Leo Baeck-Institut in New York. Dort ist es bis heute einzusehen, und in den 2010er Jahren wurde es digitalisiert und ist online verfügbar.
Nach dem Tod ihrer Schwester Lotte 1972 blieb Gertrud weiter in ihrer Wohnung in Washington Heights. Später zog sie in ein nahegelegenes Seniorenheim, in dem auch ihre Cousine Grete Lindenberg wohnte. Dort starb Gertrud Heinemann hochbetagt im Jahr 1988, als letzte ihrer sechs Geschwister.
Quellen und Infos:
Geschichte des Israelitischen Krankenhauses Hamburg, https://www.ik-h.de/ueber-uns/geschichte/
Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege", Eintrag für Gertrud Heinemann: https://hriesop.beepworld.de/heim.htm
Anna von Villiez, Jüdische Ärzte und Ärztinnen in Hamburg und ihre Entrechtung während des Nationalsozialismus, https://schluesseldokumente.net/beitrag/villiez-juedische-aerzte
Frankfurt am Hudson - die deutsch-jüdischen Washington Heights, We Refugees Archiv, https://we-refugees-archive.org/chapters/frankfurt-am-hudson-die-deutsch-juedischen-washington-heights/#
Digitalisierte Familiendokumente in der „Heinemann Collection“ im Leo Back Institute, New York: http://findingaids.cjh.org/?pID=1640779
Namensvarianten: Trudie