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bisher: Arnold Abraham Salomon ...

Otto Levy, Lüneburg ca. 1908; ... |
Ehemann von Anna Rebecca Levy, geborene Heinemann [*1869]
Otto Levy kam 1864 in dem Städtchen Malchow in Mecklenburg zur Welt. Seine Eltern waren der Kaufmann Louis Levy und dessen Frau Rebekka geb. Aronheim, die aus Anklam in Pommern stammte. Otto war das erste von neun Kindern. Er wuchs im Kreise seiner Geschwister in Malchow auf, das damals eine kleine, aber durchaus einflussreiche jüdische Gemeinde hatte. Otto Levy wurde Kaufmann wie sein Vater. Er war in der Textilbranche tätig. Als junger Mann zog er nach Berlin und baute dort später eine gutgehende Krawatten- und Wäschefabrik auf.
1897 heiratete Otto Levy in Lüneburg die Lehrerin Anna Heinemann, eine Tochter des bedeutenden Lüneburger Kaufmanns und Bankiers Marcus Heinemann. Möglicherweise war der Kontakt zur Familie Heinemann über Arnold Jacobson zustandegekommen, der ebenfalls aus Malchow stammte, als junger Mann nach Lüneburg gegangen war und dort 1886 Annas ältere Schwester Klara geheiratet hatte. Nach der Hochzeit 1897 zog Anna Levy geb. Heinemann zu ihrem Mann Otto Levy nach Berlin.
Die beiden wohnten zunächst im Tiergartenviertel, ab 1908 dann in Berlin-Nikolassee, einem gerade enstehenden Villenviertel im Südwesten der Stadt. Dort ließen sie sich vom Architekten Max Fraenkel eine moderne Villa bauen. Sie waren sowohl in der Nachbarschaft als auch in der Berliner Gesellschaft gut vernetzt. Otto Levy war aktives Mitglied der Berliner Reichsloge, einem Teil der jüdischen Wohltätigkeitsorganisation B"nai B"rith, der sich überall auf der Welt für soziale Zwecke einsetzte und einen wichtigen Rahmen für das gesellschaftliche Leben seiner Mitglieder bot.
1909 änderte sich für Otto und Anna Levy, deren Ehe bis dahin kinderlos geblieben war, ihr Leben: Im November 1908 war in Malchow Ernst Levy geboren worden, der erste Sohn von Ottos Bruder Richard Levy und seiner Frau Emma. Die Mutter war im Kindbett gestorben. Richard Levy, offenbar überfordert von der Situation, ging zurück in die USA, wo er schon zuvor gewohnt hatte. Die Familie in Malchow versuchte sich um das Baby zu kümmern. Sie fanden eine Amme in Parchim, die Ernst zu sich nahm. Als der Eindruck entstand, dass die Amme das Kind vernachlässigte, sprangen Anna und Otto Levy kurzentschlossen ein. Anna war zu diesem Zeitpunkt fast 40, Otto Levy 45 Jahre alt. Sie holten den kleinen Ernst nach Berlin und adoptierten ihn einige Jahre später.
In Berin-Nikolassee in der Rehwiese 4, in ihrem schönen neuen Haus umgeben von einem großen Garten, begannen die drei nun ihr Leben als Familie. Ernst wuchs in einer liebevollen und großzügigen Umgebung auf, besuchte die besten Schulen und war in jeder Hinsicht der Sonnenschein seiner Eltern. Nach der Schule fing er zunächst ein Studium als Textilingenieur an - vermutlich hatte sein Vater gehofft, ihn als seinen Nachfolger in sein Textilunternehmen holen zu können. Nach kurzer Zeit wechselte Ernst Levy dann aber zu Jura.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, begannen für die Familie schwierige Zeiten. Ernst Levy, der sein Jura-Studium inzwischen beendet hatte, wurde als Referendar am berühmten Berliner Kammergericht entlassen. Er floh nach Paris, wo er sich wieder für Jura einschrieb und sich mit verschiedenen Jobs seinen Lebensunterhalt verdiente.
Durch die NS-Verfolgungsmaßnahmen hatte Otto Levy in Berlin kaum noch Einnahmequellen. Für Anna und ihn wurde es immer schwerer, sich finanziell über Wasser zu halten. Otto Levy versuchte, als Vertreter für unterschiedliche Waren wieder wirtschaftlich Fuß zu fassen, darunter Kohlen, Stoffe und Zigarren. Auch hier wurde es jedoch immer schwieriger, als jüdischer Kaufmann im Geschäft zu bleiben.
Anna Levy beschloss, in dem großen Haus in Nikolassee Zimmer zu vermieten, um das Familieneinkommen aufzubessern. Nach und nach wurden ab 1933 immer mehr Teile der Villa vermietet. Unter anderem wohnte der Schriftsteller Ödon von Horvath eine Weile in der Villa an der Rehwiese. Anna genoss es, mit ihm über Literatur zu sprechen und von ihm Bücher auszuleihen.
Anna und Otto Levy vermissten ihren Sohn sehr. Anna schrieb regelmäßig lange Briefe und ließ ihn so an ihrem Leben teilhaben. Otto Levy fügte den Briefen meist nur kurze Grüße hinzu, manchmal verbunden mit Nachrichten zu seiner geschäftlichen Situation. Als Ernst 1935 eine Französin heiratete, begann seine Mutter ihm auf Französisch zu schreiben, um ihre Schwiegertochter mit einzubeziehen. 1936 bekamen Ernst und seine Frau einen Sohn. Anna schickte Kinderkleidung und andere Geschenke nach Paris.
Anna und Otto waren hoch erfreut, als ihre Schwiegertochter und ihr Enkelkind 1936 zwei Monate mit ihnen in Nikolassee verbrachten und den Alltag der stolzen Großeltern belebten. 1937 besuchten Anna und Otto Levy die junge Familie in Paris und sahen so zum ersten Mal seit 1933 ihren Sohn wieder. Die Levys senior planten nun ebenfalls ihre Auswanderung. Am liebsten wollten auch sie nach Frankreich gehen, in die Nähe ihre Sohnes Ernst.
1938 waren Otto und Anna Levy gezwungen, ihr geliebtes Haus in der Rehwiese weit unter Wert zu verkaufen und in eine möblierte Wohnung umzuziehen. Fast der gesamte Erlös aus dem Hausverkauf ging in verschiedene antisemitische Steuern und Zwangsabgaben, auf den kleinen Rest hatten sie nur sehr begrenzt Zugriff. Außerdem hatten sie nun keine Mieteinnahmen mehr. Sie verstärkten ihre Bemühungen um Auswanderung, aber am Ende schlugen alle Pläne fehl. Seit dem Kriegsbeginn im September 1939 saßen Otto und Anna Levy in Berlin fest. Bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 konnte Annas Bruder Otto Heinemann aus New York sie noch finanziell unterstützen, danach waren sie komplett mittellos.
Am 10. September 1942 wurden die beiden in einem der großen "Alterstransporte" vom Anhalter Bahnhof in Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, am 29. September von dort weiter ins Vernichtungslager Treblinka. Dort wurden Anna und Otto Levy kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
Quellen und Infos:
http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Malchow
Gräber und Todesanzeigen von Otto Levys Eltern in Malchow:
https://de.findagrave.com/memorial/235106136/louis_lazarus-david-levy;
https://de.findagrave.com/memorial/235106559/rebekka-levy
Virtueller Stolperstein für Otto Levy in Berlin: https://www.stolpersteine-berlin.de/de/der-rehwiese/4/otto-levy
Transportliste "Alterstransport" I/63, Berlin nach Theresienstadt, 10.09.1942 und Karteikarte für Anna Levy, Arolsen Archives:
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127205110;
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11243762
Informationen zum Transport I/63 von Berlin nach Theresienstadt: https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5093045
Informationen zum Transport Bs von Theresienstadt nach Treblinka, 29.09.1942: https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5091987